Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2010: Die Eröffnungsveranstaltung

Bambus wiegt sich im Wind...

mit der üblichen Routine wurde am 5.5.2010 im ICC Berlin der diesjährige Hauptstadtkongress eröffnet. Wenn auch der Rahmen ganz der gewohnte ist, so hat sich doch etwas geändert: Als ich diese Veranstaltung vor 10 Jahren zum ersten Mal besuchte, kamen wir mit einer Demo und brachten unsere Plakate mit. Gelbe Zitronen wurden der Ministerin überreicht als "Anerkennung" für ihre Ausquetscherfolge.

Bei späteren Eröffnungen trauerte Veranstalter Ulf Fink den Zeiten nach, in denen noch ärztliche Protestaktionen die Eröffnungsfeier belebten, Wehmut klang durch, wir werden älter, die Wilden Jahre sind vorbei, schade auch. Weitere Jahre später wurde nur noch applaudiert, die Ministerin durfte ihre gebetsmühlenartig vorgetragenen Klischees wiederholen und wiederholen, das Publikum applaudierte brav.

Heute steht an ihrer Stelle ein Minister, der neue Ideen mitbringt, der messerscharf analysiert, der die Situation auf den Punkt bringt, der Hoffnungen weckt. Ich bin fast irritiert, die Rollenverteilung stimmt nicht, ein vernünftiger Gesundheitsminister gehört zu den Phänomenen, die ich mir noch im letzten Jahr nicht in meinen schönsten Phantasien ausmalen konnte.

Das Publikum übrigens applaudiert, täusche ich mich? applaudiert nicht anders, als es bei seiner Vorgängerin applaudiert hat, kein Bravo, keine Zeichen besonderer Begeisterung, der übliche Applaus, aber vielleicht täusche ich mich ja.

Unser Problem sind die Normalen

Zunächst jedoch trägt Dr. Manfred Lütz, passend zum heiteren Tonfall des Moderators Ulf Fink, zum Thema: "Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen" vor. Die Kunst, Wahrheiten so in Humor zu verpacken, dass sie gut verdaulich sind, beherrscht er meisterhaft. Erfrischend sind seine Gedanken über die "Normopathen", die "wahnsinnig Normalen", die Mitläufer, die politisch Korrekten, die das System ersticken. Nachdenklich macht die Idee der "Sakralisierung der Gesundheit" und ihrer beflügelnden Wirkung für die Gesundheitswirtschaft bzw. ihrer desaströsen Wirkung auf die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens.

Bundesminister Dr. Philipp Rösler

...begann seinen Vortrag wie schon des Öfteren mit einem dicken Lob für das deutsche Gesundheitswesen, um gleich auf die Schwierigkeit zu kommen, diese Qualität trotz des demographischen Wandels und des kostspieligen technischen Fortschritts zu erhalten.

7 große (und viele kleine) Gesundheitsreformen habe es in den letzten 20 Jahren gegeben, und jede davon habe letztlich nur dazu geführt, dass das System teurer geworden ist, aber durchaus nicht besser. Also müsse die Frage der Gesundheitsreform grundsätzlicher angegangen werden. Das wiederholte Bemühen, einfach nur die Lohnnebenkosten möglichst niedrig zu halten, habe jedenfalls in eine Sackgasse geführt.

Der Arbeitsalltag der 5 Mio. Beschäftigtem im Gesundheitswesen werde derzeit durch eine unfaire Konkurrenzsituation beeinträchtigt: Erfolg hat nicht der, der gute Medizin macht sondern derjenige, der sich in einem komplexen System gut auskennt. Die Budgetierung führe auf diese Weise zu einer massiven Verschlechterung der Versorgung.

Ein besonders wichtiges Ziel des Ministers ist der Bürokratieabbau. Das sei nur möglich, wenn man auch die dahinter stehende Grundmentalität in Angriff nehme. Der Glaube, dass der Staat alle Probleme regeln muss, führe zu immer mehr Bürokratie. Um dies zu verdeutlichen, spielt Philipp Rösler in allen wesentlichen Details durch wie es wäre, wenn der Staat die Organisation des Hauptstadtkongresses übernehmen würde. Das Lachen über die Monstrosität dieser Vision bleibt einem fast im Halse stecken, so realistisch klingt die Schilderung der neuen Kongressorganisation. So realistisch, dass Ulf Fink etwas besorgt wirkt, aber vielleicht täusche ich mich ja schon wieder...

Die Grundmentalität, die geändert werden müsse, ist das weit verbreitete Misstrauen, die Misstrauenskultur. Ohne eine Kultur des Vertrauens sei das Gesundheitswesen in Deutschland nicht zu retten. Statt der komplizierten Qualitätssicherung empfiehlt Dr. Rösler als Kontrollinstanz den mündigen Patienten, dessen Kompetenzen sich durchaus noch verbessern lassen: man müsse Gesundheitswissen direkt an die Patienten bringen!
Ich finde diesen Gedanken unmittelbar einleuchtend, doch ein Blick nach rechts, ein Blick nach links ins Publikum zeigt mir viele skeptische Blicke, das dürfte möglicherweise nicht leicht durchzusetzen sein.

Mehr Transparenz und mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen fordert Dr. Rösler, Ergebnisse müssen offen gelegt werden, Kosten müssen offen gelegt werden. Ganz eindeutig plädiert er für die Kostenerstattung anstelle des Sachleistungsprinzips.

Schließlich geht der Minister auf die Solidarität als Besonderheit im Gesundheitswesen im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen ein. Die Solidarität dürfe nicht in frage gestellt werden! Im Moment sei allerdings die gesetzliche Krankenversicherung überfordert, weil sie nicht nur einen Ausgleich zwischen Gesunden und Kranken sondern auch einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen (soweit diese überhaupt gesetzlich krankenversichert sind...) schaffen müsse.

Der Ausgleich zwischen Arm und Reich sei natürlich wichtig, gehöre aber überhaupt nicht in die GKV sondern in das Steuersystem! Durch diesen Schritt bekäme die Solidarität eine breitere Basis, die GKV könne sich wieder auf den Ausgleich zwischen Gesunden und Kranken konzentrieren.

Zum Schluss geht Minister Rösler auf die Schwierigkeit ein, unangenehme Botschaften rüberzubringen. Er führt 3 Methoden an: 1) Konfrontation, 2) Leugnen, oder 3) gemeinsam einen Plan erarbeiten, eindeutig die favorisierte Methode... Die unangenehme Botschaft folgt auf dem Fuß: "Ich kann Ihnen nicht mehr Geld versprechen, aber Sie sollen ein faires System bekommen".

Der Minister verabschiedet sich mit einem asiatischen Zitat: "Bambus wiegt sich im Wind, Bambus wiegt sich im Sturm, aber er bricht nicht"

So sieht es aus, als hebe Philipp Rösler das Schwert, um den Gordischen Knoten im Gesundheitswesen zu zerschlagen. In wie weit dieser Knoten inzwischen schon aus Würmern besteht, die sich rechtzeitig in Sicherheit bringen, um sich gleich wieder neu verknoten zu können, wird sich zeigen. Ich verlasse den Saal und bewege mich durch die glitzernden Stände der zahlreichen Institutionen, die im Gesundheitswesen Geld verdienen oder Geld verdienen wollen und heute wieder grüne Äpfel verschenken.

Bericht: Dr. Svea Keller

Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit
5. Mai 2010 - 7. Mai 2010
http://www.hauptstadtkongress.de
im ICC Berlin