Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2011

1. Tag 11.05.2011

Die Eröffnungsveranstaltung

8000 Besucher, 500 Referenten und 150 Veranstaltungen - Ulf Fink und Dr. Ingrid Völker eröffnen den 14. Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit mit berechtigtem Stolz.

Fink hebt positiv hervor, diesmal stehe nicht mehr die Finanzierung des Gesundheitswesens sondern die Gesundheit an sich im Zentrum des Interesses. Neu in diesem Jahr ist u.a. auch die „Medical Technology Avenue“, und das neue Gewicht der gemeinsam auftretenden Medizintechnikhersteller ist in der Tat unübersehbar.
Der Wandel vom Gesundheitswesen zur Gesundheitswirtschaft ist ein Thema, das den diesjährigen Kongress von Beginn an prägt.

Die Erwartung, auch dieses Jahr wieder einen äußerst hochkarätigen Eröffnungsvortrag zu hören, wird nicht enttäuscht:

Der Mensch muss selbst Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen

Prof. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe aus Göttingen, spricht zum Thema „Kein Gesundheitswesen der Welt kann darauf verzichten, dass die Menschen selbst Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen – Anmerkungen eines Hirnforschers“

„Heilung ist immer Selbstheilung“ lautet seine These, Medizinische Intervention könne nur diese Selbstheilung stärken.

Die Kunst sei, Bedingungen zu schaffen, in denen sich das Wünschenswerte ereignen kann. 3 Voraussetzungen seien dazu erforderlich:
1. Der Patient muss überhaupt gesund werden wollen
2. Er muss dem, der ihm helfen will, vertrauen
3. Er muss das Gefühl haben, zu verstehen, teilzuhaben, und das Gefühl, dass das Ganze Sinn macht.

Gesund sein bzw. gesund bleiben zu wollen ist eine Haltung, und Haltungen werden im Laufe des Lebens erworben, sie resultieren aus Erfahrungen. Erfahrungen sind nicht Wissen, sie können nicht gelehrt werden. Bei der Erfahrung werden emotionale und kognitive Anteile verkoppelt.

Für manche Menschen ist es z.B. von Vorteil, krank zu sein, daraus resultiert die entsprechende Haltung.

Verändert werden müssen diese Haltungen, nicht das Verhalten!

Es muss also dem Menschen ermöglicht werden, eine günstige Erfahrung zu machen. Das kann man durch
• Einladen
• Ermutigen und
• Inspiration
erreichen.

Die Hirnforschung habe gezeigt, welche unglaublichen Möglichkeiten Kindern offen stehen, das menschliche Gehirn hält riesige Überschüsse an Verschaltungsmöglichkeiten bereit – diese müssen aber benutzt werden, um erhalten zu bleiben, und zwar wird das Hirn so, wie man es mit Begeisterung benutzt, nicht wie man es einfach benutzt!

Unzufriedene Menschen suchen sich Ersatzbefriedigungen, und diese sind alle ungesund! Je unglücklicher die Menschen sind, desto besser lassen sich Ersatzbefriedigungen vermarkten.

Man muss also die Menschen einladen, ermutigen und inspirieren, sich für ihre Gesundheit zu begeistern!

Eröffnung zwischen zwei Gesundheitsministern

Angekündigt als nächster Redner war Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der seine Sicht der gesundheitspolitischen Lage erläutern sollte. Philipp Rösler jedoch trat nahezu zeitgleich am Folgetag als Gesundheitsminister zurück um selbst Wirtschaftsminister zu werden und Daniel Bahr wurde zu seinem Nachfolger ernannt, so dass die lange Tradition der Eröffnungsrede durchbrochen werden musste, weil der alte Gesundheitsminister nicht mehr und der neue noch nicht zur Verfügung stand...

Annette Widmann-Mauz, parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesgesundheitsminister, sprach stattdessen und sprach auch nicht zur gesundheitspolitischen Lage, sondern über die anstehenden, notwendigen Reformen des Pflegesystems. Lediglich in der Diskussion beantwortete sie ein paar Fragen zum anstehenden Versorgungsgesetz und kündigte die Absicht an, Innovationen müssten in Deutschland in Zukunft schneller in die Anwendung gelangen, um den Standortfaktor Deutschland zu stärken, die Gesundheitswirtschaft werde von der Bundesregierung inzwischen auch als Wachstumsmarkt gesehen.


Im folgenden eine Auswahl von Eindrücken. Wegen der Vielzahl der Veranstaltungen natürlich ohne jeglichen Anspruck auf Vollständigkeit.

Gab es Trends? Einigkeit scheint darüber zu herrschen, dass das Gesundheitswesen inzwischen als Gesundheitswirtschaft gesehen wird, und damit als Wachstumsmarkt, also ein wichtiger Faktor für die Zukunft der Gesellschaft. Leider herrschte auch Einigkeit darüber, dass das System derzeit nicht sonderlich zukunftsfest ist. Auch scheint das System die Einführung von Innovationen auszubremsen.

Der Trend geht hin zu Professionalisierung der Organisationsstrukturen, zu Vernetzung und Kooperation. Da die Vernetzung nicht mehr aufzuhalten ist, gewinnt das Thema Datenschutz an Bedeutung!


Und es geht doch: Sparen durch Innovationen

Anton J. Schmidt lud in seiner Einführung in das Thema ein, Innovationen nicht immer nur als Kostentreiber, sondern auch als Chance zu verstehen und die folgenden Redner zeigten, dass dies durchaus möglich ist:

Prof. Dr. Stefan Willich machte drauf aufmehrsam, dass vor 20 Jahren alle Innovationen noch finanzierbar waren – seitdem habe sich aber eine „Globale Epidemie der Kosten-Nutzen-Bewertung“ ausgebreitet. Er zeigte, wie man die unterschiedlich nützlichen Innovationen klassifizieren kann.
Die Lebenserwartung steige zwar – die Menschen bleiben aber auch länger gesund, so dass durch die gesteigerte Lebenserwartung nicht zwangsläufig mehr Kosten entstehen müssen. Oft mache man den Fehler, nur die Behandlungskosten im engeren Sinne zu betrachten und dabei den gesamtgesellschaftlichen Nutzen, z.B. durch verkürzte Behandlungszeiten und Wiederherstellung der Arbeitskraft, zu vergessen.
Heiß diskutiert wurde ein Vortrag von Dr. Colin Krüger über Wiederaufbereitung von Einmalinstrumenten, mit der sich tatsächlich erheblich Kosten sparen lassen, die aber durchaus kontrovers gesehen wird.
Dr. Gabriela Soskuty führte in Ihrem Vortrag: "Heilen und Sparen: Medizintechnologie hilft!" diverse Beispiele für Einsparmöglichkeiten durch Innovationen an, die alle aber die Gemeinsamkeit haben, dass sie nicht so oft eingesetzt werden, wie man könnte, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen (nicht adäquate Vergütung, schleppende Einführung in die GKV, Verzögerung durch Kostenträger und Gremien...) .

Grenz- und sektorübergreifende regionale Versorgungskonzepte

Diese Veranstaltung befasste sich schwerpunktmäßig mit grenzüberschreitenden Versorgungskonzepten, Sektorengrenzen wurden fast nur im Rahmen der Telemedizin behandelt.

PD Dr. Johannes Hallauer erörterte zunächst die Rahmenbedingungen: Das Europaparlament hat am 19.2.2011 beschlossen, dass die Kosten einer Behandlung im Ausland bis zu der Höhe erstattet werden, die im Heimatland angefallen wäre. Damit ändert sich für die deutschen Patienten nicht viel, aber die Behandlung von EU-Patienten in Deutschland wird erleichtert!

Mecklenburg-Vorpommern, auf das im Rahmen eines Deutsch-Polnischen Kooperationsmodells POMERANIA näher eingegangen wird, werde übrigens als erstes Land in Deutschland eine Altengesellschaft erleben, die in den übrigen Bundesländern erst später entstehen wird, erlaubt also einen Blick in die Zukunft!

Dr. Ulrich Wandschneider weist darauf hin, dass bisher selbst die Grenzen der deutschen Bundesländer oft Hindernisse in der Versorgung sind, z.B. werden Reha-Maßnahmen auch da, wo es sinnvoll ist, in benachbarten Bundesländern nicht genehmigt.
Zu den rechtlichen Rahmenbedingungen: Privatpatienten aus der ganzen Welt können in Deutschland frei behandelt werden (wobei sich allerdings oft Vorkasse empfiehlt...), EU Bürger werden über den E112-Schein behandelt, seit Januar 2011 gilt hier die neue Richtlinie.

Wenn Kliniken in die gezielte Behandlung von ausländischen Patienten einsteigen wollen, brauche man viel Zeit auf Management-Ebene bei anfangs kleinen Erfolgen. Solche Engagements können durchaus auch scheitern!

Piotr Gerber berichtet, der private Sektor in Osteuropa sei klein, aber im Wachstum begriffen. Die Bilder von neuen, schicken, kleinen Privatkrankenhäusern in Polen, die er zeigt, sind beeindruckend!

Die gewaltigen Preisunterschiede zwischen den verschiedenen Ländern lassen Wanderungsbewegungen erwarten, u.a. führt er die Preise für eine Cataract-Operation auf:

GB 2953 €
Indien 1130 €
Bulgarien 550 €
Tschechei 660 €
Polen 1250 €

Ähnliche Unterschiede zeigt er auch für Knie- und Hüftoperationen.

Thorsten David berichtet über neue Formen der Vernetzung zwischen Klinik und Niederlassung am Beispiel kardiovaskulärer Krankheitsbilder. In diesem Vortrag geht es um telemedizinische Konzepte. Telemedizin werde in Form von Doc2Doc und Doc2Patient Kommunikation eingesetzt.
Deutschland steht beim Einsatz von Telemedizin international nur auf Platz 6.
David führt dann einige gut funktionierende telemedizinische Modelle an, die beträchtliche Erfolge aufweisen können: Liegedauer, Anzahl Stationärer Einweisungen und Mortalität sind erheblich reduziert (54%, 51% bzw. 34%!), auch die Wiedereinweisungsquote und die Anzahl der Notfalleinsätze sind spürbar reduziert. Die Patienten berichten über eine Verbesserung der Lebensqualität durch das Monitoring in der vertrauten Umgebung.

Probleme gebe es noch, weil die Telemedizin im GKV-Katalog nicht abgebildet werde, die Systeme sind technisch fragmentiert, es gebe Akzeptanzprobleme und Datenschutzprobleme.

Interessant waren die Zukunftsperspektiven (Wo stehen wir in 5 Jahren?) die in der letzten Fragerunde genannt wurden: Telemedizin werde selbstverständlich sein, ebenso die grenzüberschreitende Versorgung. Trotz aller technischen Fortschritte werden die Menschen gleich bleiben und sich wo möglich am liebsten zuhause behandeln lassen. Mehr private Krankenhausunternehmer werden in mehreren Ländern agieren und dadurch Konzepte weiterverbreiten, die in einzelnen Ländern gut funktionieren.


2. Tag 12.05.2011

MVZ - Kaum gestartet, schon ein Auslaufmodell? Regionale Praxisnetze als alternative Kooperationsform

Dr. Veit Wambach, der über sein Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz eG (Nürnberg) stets mitreißend und positiv zu berichten weiß, unterschied sich von seinen Mitrednern in einem Punkt: er konnte wirtschaftliche Erfolge in Zahlen benennen, die MVZ-Vertreter umschifften dieses Thema gekonnt.
Sein Netz umfasst derzeit 101 Mitglieder in 61 Praxen, die durch Ersparnisse im Bereich Pharmakotherapie und Hilfsmittel/Fahrtkosten sowie im stationären Bereich bei verbesserter Qualität einen durchschnittlichen Netzerfolg von 11,5% erwirtschaften konnten.

Dr. Wolfram Otto, Geschäftsführer der POLIKUM-Gruppe, Berlin, schilderte diverse Vorteile seiner MVZ, die es den dort arbeitenden Ärzten ermöglichen sollen, sich auf die eigentliche ärztliche Arbeit zu konzentrieren ohne sich mit Verwaltungstätigkeiten herumärgern zu müssen.
Das Polikum wurde 2005 eröffnet und betreibt inzwischen 11 MVZ an 3 Standorten mit 100 Ärzten und 350 Mitarbeitern in Form einer GmbH.
Die Stärke der MVZ sieht er in der Behandlung von Schwerkranken, bei banalen Erkrankungen gebe es keine Vorteile. Über das wirtschaftiche Ergebnis spricht er nicht.

Dr. Uwe Kraffel, KV Berlin, schildert die verschiedenen Formen der MVZ:
Klein-MVZ mit weniger als 4 Fachrichtungen und ohne angestellte Ärzte werden in diesem Vortrag nicht behandelt.
Klassische Kooperationsformen, die auch schon vor der MVZ- Ära gut funktioniert haben, funktionieren gut als MVZ, so z.B. die Kooperation zwischen Operateur uns Anästhesist.
Weniger gut funktioniere die Neugründung einer Poliklinik, in der die Patienten alle Fachrichtungen aufsuchen sollen, denn die Patienten suchen sich ihre Ärzte nach anderen Kriterien aus und 80% der Patienten benötigen für ihr Leiden nur eine Fachrichtung.
Medizinisch sinnvoll sei die Versorgung rund um ein Krankheitsbild, zahlenmäßig gebe es hier aber wenig Bedarf.

Wachstum und Umsatzrenditen sind in der Gesundheitswirtschaft ungewöhnlich hoch, dewegen stehen Investoren Schlange, die gern MVZ gründen würden. Abgesehen von den o.g. Strukturproblemen ist es aber ein Problem, dass angestellte Ärzte im allgemeinen weniger arbeiten als selbständige Ärzte (nach Statistiken der KV Berlin werden beispielsweise 1/3 weniger Fälle versorgt). Bei Groß-MVZ stellt sich zusätzlich das Problem, dass sie keine effektive Versorgung in der Fläche machen können. Die Zahlen der Apo-Bank verraten ebenso, dass etliche MVZ bedrohliche wirtschaftliche Probleme haben.

Dr. Ralf Saballus vertritt das MVZ Helle Mitte, das zu einem Typ gehört, den Kraffel zuvor als sinnvoll eingestuft hat: schwerpunktmäßig werden Wirbelsäulenerkrankungen interdisziplinär behandelt. Die Arbeit ist ergebnisorientiert und führt zu nachhaltigen Behandlungserfolgen, an denen das gesamte Team teilhat. Aus seinem Vortrag klingt recht viel von der Begeisterung, für die Prof. Hüther am Tag zuvor geworben hat....

Dr. Christoph Hans Straub spricht zuletzt über MVZ als Teil des Unternehmenskonzeptes der RHÖN-Klinikum AG. Er schildert einen Trend hin zu MVZ mit angestellten Ärzten aus Gründen der notwendigen Rationalisierung. Der Trend gehe hin zu kliniknahen MVZ. Rhön orientiere sich am Bedarf der Standorte und biete Netzwerke rund um die Krankenhäuser an. Dabei werden alle denkbaren Formen der Zusammenarbeit angeboten. „Die ambulante Versorgung wird zunehmend durch entwickelte Organisationen übernommen“. Zahlen über die wirtschaftlichen Erfolge nennt auch er nicht. Bei den komplizierten Strukturen, die entstehen, wenn ambulante und stationäre Versorgung ineinandergreifen, dürften diese im Rahmen eines Kurzvortrags auch schwer darstellbar sein.

Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichheit in der Krankenversicherung - Und wer zahlt am Ende?

Die Veranstaltung beginnt mit dem uneingeschränkten Lob der Bürgerversicherung durch Fritz Kuhn, MdB (Grüne). Die finanzielle Basis der GKV erodiere systematisch, weil die Anteile des Volkseinkommens abnehmen, die durch Erwerbstätigkeit erzielt werden... Das grüne Konzept der Bürgerversicherung unterscheidet sich allerdings von dem der SPD:
• Alle Bürger sollen in eine Versicherungsart
• Alle Einkunftsarten sollen einbezogen werden
• Die Beitragsbemessungsgrenze soll auf 5500 € angehoben werden
• Dadurch werden die mittleren und niedrigen Einkommen entlastet
• Die Parität von Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteilen soll wiederhergestellt werden
• Die Praxisgebühr soll ggf. wieder gestrichen werden
• Die kostenlose Mitversicherung von nicht Kinder betreuenden (oder pflegenden) Angehörigen soll abgeschafft werden.

Auch er schließt mit der Erkenntnis, „eigentlich ist es gut, wenn eine Gesellschaft viel ausgibt für die Gesundheit!“ - man dürfe nicht nur über die Kosten reden!

Minister Dr. Heiner Garg, MdL seziert im folgenden den Vortrag seines Vorgängers mit Genuss...

Sein Alternativmodell ist eine Versicherungspflicht mit freier Wahlmöglichkeit für jeden Einzelnen, und nur wer dazu nicht in der Lage sei, dem müsse die Solidargemeinschaft helfen!

In der Diskussion wird er noch deutlicher „Wir bräuchten ein grundlegend neues Rahmengesetz anstelle des SGB V“

Claus Hommer analysiert die Bürgerversicherung unter etwas anderen Aspekten, sein besonderes Augenmerk gilt den Ungerechtigkeiten, zu denen sie führt.
Er vergleicht zunächst die Bürgerversicherungskonzepte von SPD und GRÜNEN:

Im folgenden analysiert er die Probleme der Bürgerversicherung:

  1. Nur eingeschränkte Solidarität
  2. Keine bessere „Versichertenorientierung“
  3. Keine Nachhaltigkeit
  4. Keine Arbeitsmarkt-Entlastung

Prof. Dr. Peter Zweifel aus Zürich erörtert 5 Thesen, hervorstechend darunter die These 4, in der er ein völlig anderes Modell skizziert:

1. These: Gleichheit in der Krankenversicherung unterhöhlt die Bereitschaft zur Solidarität innerhalb derselben Generation
2. These: Gleichheit in der Krankenversicherung gefährdet die Solidarität der jetzt lebenden mit den zukünftigen Generationen
3. These: Gleichheit in der Krankenversicherung ist mit Wahlfreiheit in der Krankenversicherung letztlich nicht vereinbar
4. These: Eine Möglichkeit, wenigstens das Solidaritätsziel zu erreichen, sind risikogerechte Beiträge in Kombination mit gezielten Subventionen
5. These: Die Schweiz kann je länger je weniger als Vorbild für eine Krankenversicherung mit Wahlfreiheit gelten


3. Tag 13.05.2011

Gibt es ein besseres Gesundheitssystem als das deutsche?

Franz Knieps stellt fest, die Frage suggeriere, es gebe objektive Vergleichskriterien, tatsächlich seien die Systeme jedoch sehr schwer vergleichbar.

Er führt die verschiedenenen Methoden und internationalen Untersuchungen zum Vergleich der Systeme auf.

Für Deutschland sei typisch, dass die Patienten zwar zufrieden mit ihrem Arzt seien, jedoch unzufrieden mit dem System!

Die Frage lasse sich letztlich nicht mit „ja“ oder „nein“ beantworten, Deutschland schneide, was den Leistungskatalog und die Wartezeiten betreffe, international gut ab, in anderen Bereichen jedoch schlechter.

Auch Dr. Frank Ulrich Montgomery sieht den Facettenreichtum der Fragestellung, für ihn ist jedoch das Deutsche Gesundheitswesen in der Tat das beste, da die Wechselwirkung zwischen Selbstverwaltung und Politik zu besseren Ergebnissen führe, als es in rein staatlich gelenkten oder auch in ganz sich selbst überlassenen Systemen möglich wäre. In jedem Falle müsse man sich trotzdem die Frage, wie man das System erhalten und verbessern könne, täglich neu stellen.

Die Haltung der Deutschen bringt er auf den Punkt: „Wir fahren einen Mercedes und glauben, einen reparaturbedürftigen alten Golf zu fahren“

Er ist aber fest davon überzeugt, dass em Ende eine gute Lösung gefunden werde, da alle Akteure vernünftig seien.

Prof. Dr. Günter Neubauer sieht ebenfalls den Widerspruch in der Haltung der Deutschen „Der Arzt ist der Beste, aber das System ist nicht gut...“
Leider neigen die befragten Deutschen auch dazu, die Wartezeiten wichtiger zu nehmen als die Qualität der Medizin.

Das Phänomen, dass Menschen, die im Ausland krank werden, zur Behandlung lieber nach Hause wollen, sei übrigens kein spezifisch deutsches Phänomen, sondern in allen Ländern anzutreffen.

Junge Ärzte in Deutschland stimmen mit den Füßen ab und tendieren dazu, im Ausland oder außerhalb der Patientenversorgung zu arbeiten, nur ältere Ärzte, die ihre Schulden bereits abbezahlt haben, sehen die Situation gelassener.

Die Anbindung der Beiträge an die Lohnnebenkosten führe wegen der damit verbundenen Ungerechtigkeiten zur Unzufriedenheit der jüngeren Arbeitnehmer, hier bestehe dringender Änderungsbedarf.

Sein Fazit: Unser System ist nicht zukunftsfest, Reformen finden immer nur an Details und kurzfristig statt („alle 4 Jahre“) , es mangelt an Reformen, die das System langfristig stabilisieren! Auch das Versorgungsgesetz sei von vornherein zum Scheitern verurteilt...
Neubauer möchte weg von der Regulierung hin zur Regelung kommen. Die Selbststeuerng müsse auf die unterste Ebene: Arzt-Patient verlagert werden! Persönliches, Lokales und Regionales müsse eine größere Rolle spielen! Die Politik müsse ihren Einfluss zurückziehen, dennn sie sei nicht in der Lage, mit diesem komplexen System umzugehen!

Prof. Dr. Jürgen Wasem setzt ebenfalls an einem Widerspruch an: Der Mythos, Deutschland habe eines der teuersten Systeme, werde weiter gepflegt, obwohl Deutschland am brutalsten die Kosten dämpfe!
Die Kostendämpfung werde durch den 2. Gesundheitsmarkt (Privatleistungen, IGeL ...) nicht kompensiert!

Im internationalen Vergleich sei das deutsche System sehr solidarisch. Das von Wasem bevorzugte System ist allerdings das niederländische.

Wasem kitisiert in Deutschland:
• Den Gesundheitsfonds, der von Anfang an eine Fehlentscheidung gewesen sei und den Kassen keinen verlässlichen Finanzierungsrahmen gibt.
• Die unklare Rollenverteilung von Kooperatismus und Wettbewerb. Die Akteure werden durch diese unklaren Rahmenbedingungen frustriert. Von dem reinen Wettbewerbsmodell, das er selbst vor etwa 10 Jahren entwickelt habe, sei er inzwischen weggekommen.

Auch er sieht die Notwendigkeit, dass wir uns für die Zukunft besser aufstellen müssen, weil die Entwicklung hin zu Chronifizierung, Geriatrisierung und Multimorbidisierung gehe.

Ist Datenschutz in Zeiten der fächerübergreifenden Versorgung eine Illusion?

Im Zusammenhang mit den übrigen Veranstaltungen des diesjährigen Kongresses bekam das Thema eine besondere Bedeutung, da sich überall die Tendenz zu Vernetzung und auch zu telemedizinischen Anwendungen abzeichnet.

Dr. Axel Wehmeier sprach über Datensicherheit in der Telemedizin

Der Trend gehe überall zur Vernetzung, auch die Akteure der Gesundheitswirtschaft werden sich zunehmend vernetzen. Damit steigen die Anforderungen an die Datensicherheit. 100% Datenschutz sei nicht möglich, man müsse das Problem gemeinsam lösen und das Spannungsfeld zwischen Datenschutz und E-Health managen.

Dr. Alexander Dix sprach über datenschutzgerechte Gestaltung von Krankenhausinformationssystemen:
Grundsatz bleibt noch immer der Hippokratische Eid:

... „Was ich bei der Behandlung oder auch außerhalb meiner Praxis im Umgang mit Menschen sehe und höre, das man nicht weiterreden darf, werde ich verschweigen und als Geheimnis bewahren“
Auch in der Genfer Deklaration des Weltärztebundes heißt es:
... „Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus bewahren“

Die Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht wie des Datenschutzes muss auch in modernen Krankenhausinformationsystemen gewährleistet sein, das ist aber bei den marktgängigen Systemen im Moment noch nicht der Fall!
Die Datenschutzbeauftragten haben hierzu gemeinsam mit den anderen Akteuren eine Orientierungshilfe ausgearbeitet, die von den Softwareentwicklern in Zukunft beachtet werden muss.
www.datenschutz-berlin.de/content/deutschland/konferenz

Christof Ohm weist auf die Rolle des Internets als Fehlerverstärker hin.

Bisher wurde der Datenschutz aus Kostengründen oft vernachlässigt, die Orientierungshilfe sei aber jetzt Bestandteil jeder Ausschreibung, so dass auf Besserung gehofft werden kann.

Zuletzt sprach Prof. Dr. Dr. Christian Dierks über Datenschutz in selektivvertraglichen Versorgungsformen.
Gesundheitsdaten unterliegen besonderem gesetzlichen Schutz, es gelten u.a. das Bundesdatenschutzgesetz und die Landesdatenschutzgesetze.

IV-Verträge erfordern eine datenschutzrechtliche Risikominimierung, technisch sein das durchaus möglich. Unklar ist die Rechtslage bei professionsübergreifender Versorgung, wahrscheinlich müsse der Arzt entscheiden, welche Daten an andere Professionen weitergegeben werden, das ist aber nicht gesichert.

Bericht: Dr. Svea Keller

Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit
11. Mai 2011 - 13. Mai 2011
http://www.hauptstadtkongress.de
im ICC Berlin